„Aufgewachsen bin ich mit Roald Dahl, Otfried Preußler und Grimms Märchen“

Thomas Thiemeyer (57) gehört zu den erfolgreichsten Jugendbuchautoren in Deutschland. Nach dem Geographie- und Geologie-Studium erschien 1989 sein erstes Buch. Mittlerweile hat er mehr als 20 Bücher geschrieben, vor allem Abenteuer- und Fantasy-Romane. Thiemeyer wurde mehrfach ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Stuttgart. Marleen Haas (Klasse 6e) hat mit ihm gesprochen.

Foto: Autor

 

Thomas Thiemeyer, Ihre Storys sind ganz schön fantasievoll. Mal geht es in antike Zeiten, mal in die Zukunft. Woher haben Sie Ihre Ideen?

Ideen zu finden ist nicht schwer. Sie sind überall, egal, ob ich etwas lese, eine Dokumentation ansehe oder einfach nur raus in die Natur fahre. Aber schwer ist es, die Ideen zu einer Geschichte zu verknüpfen, die mich selbst fesselt und gleichzeitig die Jugendlichen interessiert.

 

Wieviel aus dem echten Leben ist in Ihren Geschichten enthalten?

Schon oft habe ich erlebt, dass Leser den Hauptdarsteller mit mir verwechseln. Meine Arbeit ist die eines Schauspielers. Ich schlüpfe in fremde Rollen und beschreibe das Lebensgefühl der Rolle. Nur in Details wird der Autor immer wieder sichtbar. So kann man gewisse Grundeinstellungen aus den Geschichten lesen, zum Beispiel ob der Autor gern Sport macht oder lieber faulenzt.

 

Gibt es für die jugendlichen Helden Vorbilder?

Die gibt es. Das können aber einfach Bilder sein, Jugendliche, denen ich auf der Straße begegne, meine eigenen Kinder. Die endgültige Figur setzt sich erst in meinem Kopf zusammen. So wird es in meinen Büchern keine Personen geben, die es genauso in meinem Umfeld gibt.

 

Oft sind die Orte Ihrer Bücher exotisch. Welche Gegenden inspirieren Sie?

Das hast du gut erkannt. Ich liebe es zu reisen und fremde Kulturen und Regionen zu besuchen. So war ich schon an vielen Orten, die ich in den Büchern beschreibe, denn das Reisen allgemein inspiriert mich. Um eine Gegend zu beschreiben braucht es nämlich weitaus mehr als ein Bild. Jede Region hat ihre eigenen Gerüche, ein spezielles Licht, einen besonderen Wind und vieles mehr.

 

Ihre Romanreihe „Evolution“ handelt von der Welt nach einem Kometeneinschlag und von Jugendlichen, die sich gegen viele Gefahren durchsetzen müssen. Ziemlich beängstigend, oder?

Ja, es ist eine schwierige Zeit für die Jugendlichen und eine beängstigende Situation. Aber die Protagonisten wachsen an dieser Herausforderung. Mit Mut und Ideen sind sie in der Lage, die Situation zu bewältigen. Das ist mir wichtig. Auch die Coronakrise erfordert Mut, Ideen und Kraft. Das haben Jugendliche. Darauf können sie bauen.

 

Welches Buch, das Sie geschrieben haben, liegt Ihnen besonders am Herzen – und warum?

Es gibt nicht das eine Buch. Ich habe inzwischen über 20 Bücher geschrieben und kann immer noch zu jedem stehen. Trotzdem liegt mir immer das Buch, an dem ich arbeite, ganz besonders am Herzen. Mit jedem Buch lebe ich ein halbes Jahr intensiv. Selbst in meiner Freizeit denke ich daran, unterhalte mich mit den Protagonisten im Geiste und begleite sie. Sie sind in dieser Zeit Teil meiner Familie.

 

Welches Buch hatte den größten Erfolg?

Es gibt verschiedene Arten von Erfolg. Den größten finanziellen Erfolg hatte ich mit „Medusa“, die meisten Rezensionen für die Reihe „Das verbotene Eden“, die meisten Preise vermutlich für „Die Chroniken der Weltensucher.“ Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, diese Bücher geschrieben zu haben.

 

Welche anderen Schriftsteller finden Sie gut?

Aufgewachsen bin ich mit Roald Dahl, Otfried Preußler und ganz wichtig mit Grimms Märchen. Später kamen fantastische Schriftsteller wie J.R. Tolkien und H.P. Lovecraft dazu. Heute lese ich querbeet was mir in die Finger kommt, aber eine Liebe zum Fantastischen ist geblieben.

 

Viele Fantasy-Bücher wurden schon verfilmt. Gab es schon mal ein Angebot aus Hollywood?

Ja, es gab schon Optionen von Filmstudios – auch ganz bekannten – auf einige Romane. Verfilmt wird dann allerdings nur ein kleiner Bruchteil. Bisher hat es noch bei keinem Buch geklappt. Aber das kann ja noch kommen.

 

Arbeiten Sie mit einem festen Stundenplan?

Ja. Mein Leben ist sehr strukturiert. Ich arbeite jeden Tag mindestens sechs Stunden an Manuskripten und es gibt die feste Vorgabe, mindestens 1000 Worte zu schreiben. Dazu kommt noch das Überarbeiten des Geschriebenen vom Vortag.

 

Haben Sie ein Büro oder schreiben Sie auch unterwegs?

Ich habe einen festen Arbeitsplatz, mein Büro, und schreibe auch meist hier. Wenn ich auf Lesereise bin, schreibe ich auch im Hotel oder im Café. Aber am liebsten zu Hause, denn hier habe ich absolute Ruhe, neben mir eine Flasche Wasser und wenn ich mal nicht weiterkomme, kann ich immer eine Runde laufen gehen.

 

Schreiben Sie mit der Hand oder mit dem PC?

Die Zeiten, als ein Manuskript von Hand geschrieben wurde, sind schon lange vorbei. Die Technik erleichtert die Arbeit eines Schriftstellers so sehr, dass keiner mehr darauf verzichten will. Ich persönlich bevorzuge meinen Computer mit riesigem Bildschirm. Aber natürlich kann ich jederzeit auf dem Laptop weiterschreiben. Durch die Vernetzungen geht das ganz einfach. Wichtig ist nur, dass ich die Tastatur gut kenne und meine Finger die Tasten blind finden.

 

Wie lange dauert es, bis ein Buch erscheint?

Von der ersten Idee bis zum Erscheinen des Buches können Jahre vergehen. Das eigentliche Schreiben und die erste Überarbeitung des Buches dauern etwa ein halbes Jahr. Dann wird das Manuskript lektoriert, dann überarbeite ich nochmals und letztendlich wird das Buch gesetzt. Danach folgt nochmals eine Korrekturrunde und dann geht das Buch in Druck. Das war nur ein kleiner Überblick. Tatsächlich sind noch viel mehr Menschen beteiligt, grob geschätzt zwischen 20 und 50, bis aus der Idee ein Buch geworden ist.

 

Wollten Sie früher schon Autor werden?

Ich wollte immer etwas Kreatives machen. Zuerst dachte ich, es wäre das Malen. Damit begann ich schon früh und es war auch viele Jahre meine Hauptbetätigung. Auch der Film hat mich sehr gereizt und ich hätte gerne in einem Effektstudio ein Praktikum gemacht. Später merkte ich, dass ich die Bilder, die ich im Kopf habe nicht nur malen sondern auch beschreiben will. Ich denke, dass es für viele Menschen nicht nur eine Art des kreativen Ausdrucks gibt. Es geht nur darum für seine Kreativität das richtige Medium zu finden.

 

Was würden Sie jemandem empfehlen, der auch Schriftsteller werden will?

Schreibt. Fangt einfach an und hört nicht wieder auf. Es muss nicht gleich ein ganzer Roman sein. Schreibt eine Kurzgeschichte, macht einen Blog, in dem ihr regelmäßig schreibt und sucht Gleichgesinnte. Macht eine Schreib-AG in der Schule, lest euch gegenseitig Texte vor und sprecht darüber. Ganz wichtig: Habt einfach Spaß daran. Nicht jeder wird Schriftsteller werden, aber der Spaß an der Sprache wird bleiben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Marleen Haas

 

Abbildung: Verlag

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