Herrlich, dieses Schubladendenken (ein Kommentar)

Wo Originale Außenseiter sind, erträgt die Gesellschaft nur Kopien.

Walter Ludin, (*1945)

Was ist überhaupt „normal“? Und wollen wir das wirklich sein?

Irgendwo auf dieser Welt wird in genau diesem Moment gerade über einen kleinen Jungen gelästert, weil er seine Nachmittage lieber mit seinem neuen Lieblingsbuch verbringt, statt wie die anderen Jungs, Videospiele zu spielen. Sie sagen, er sei komisch und sie wollen nichts mit einem „Freak“ wie ihm zu tun haben. Und da keiner der Jungs sein Interesse teilt, ist er einsam und fühlt sich durch die Ausgrenzung der anderen wie ein Außenseiter. Ist es nicht falsch, dass dieser Junge den Fehler bei sich sucht? Sind wir nicht alle ein Stück weit wie Außenseiter und flüchten uns nur für unseren sicheren Komfort in Gruppen?

Ein Gedankenspiel: Jeder einzelne Mensch auf der Erde wäre genauso, wie die anderen. Sie sehen exakt gleich aus, verhalten sich gleich, reden gleich und jeden Tag begegnest du nur diesen lebenden Kopien von dir selbst. Wie würdest du dich fühlen? Wäre das wirklich ein Leben, indem du dich wohlfühlst, oder wäre diese trostlose, monotone Welt unerträglich langweilig und einsam?

Sind es nicht gerade die Unterschiede zu anderen Personen, die das Zusammenleben und die Unterhaltungen mit ihnen interessant machen? Und sind es nicht vor allem die Menschen, die von anderen als komisch oder eigen angesehen werden, die in die Geschichtsbücher eingingen und uns bis heute begleiten? Maler, wie Vincent van Gogh, Salvator Dalí und Max Ernst und Schriftsteller, wie Franz Kafka, waren und sind uns bis heute ein Rätsel. Sie sahen die Welt aus einer Sichtweise, die für viele schwer nachvollziehbar ist. Durch ihre komplexen, außergewöhnlichen Werke sind sie jedoch berühmt geworden und wir befassen uns bis heute noch damit. Sie haben unsere Gegenwart und Zukunft bewegt und auf ihre ganz individuelle Art haben sie sich aus dem System und der Masse hervorgehoben. Was also ist unser Problem mit ihnen? Sie sind uns zu unberechenbar und wir können sie nicht einschätzen, also sind sie laut der Gesellschaft diejenigen, die nicht dazu gehören. Die Menschen machen es sich gerne einfach. Doch ist normal zu sein nicht etwas langweilig?

Herrlich, diese Stereotypen, die wir Menschen uns gegenseitig Tag für Tag auferlegen. So wunderbar albern und toxisch.

Stell dir vor deine Tochter kommt eines Tages ganz nervös in dein Zimmer, um dir etwas zu sagen. Sie zittert und schaut auf den Boden herab, ihre Hände hat sie zusammengefaltet und die Finger bewegen sich ganz unruhig. Du merkst, dass sie Angst hat. Du machst ihr Mut und erklärst ihr, dass sie ruhig alles sagen kann, was sie bedrückt, sie solle sich für nichts schämen. Sie schaut dich an, schnell schaut sie wieder zu Boden und mit ihrer stockenden Stimme stottert sie hervor: „Ich wollte es dir schon lange sagen, aber ich wusste nicht wie. Ich… ich habe das Gefühl, anders zu sein als die anderen. Ich hoffe, es macht dir nicht viel aus, aber ich denke, dass ich auf Jungs stehe, ich bin heterosexuell.“

Wie würdest du reagieren? Wärst du verwirrt? Warum? Weil es untypisch ist, dass sich jemand bei seinen Eltern als heterosexuell outet? Genau das liegt das Problem. Wir gehen davon aus, dass unsere Kinder heterosexuell sind, bis sie uns etwas anderes erzählen und ist das nicht unfair? Leute, die queer sind, sollten sich also outen und heterosexuelle nicht, da man diese Orientierung als typisch oder normal ansieht.

Wir gehen also von einem bestimmten Standard aus und erwarten von Menschen, dass sie dieser Vorstellung aus unserem Kopf entsprechen. Was aber, wenn sie sich von unserer Idee unterscheiden? Wenn sie anders handeln, als von uns erwartet, sind wir schockiert und überrumpelt. Das kommt davon, wenn wir anderen einen Stempel aufdrücken und nicht bereit dazu sind, diesen zu korrigieren, wenn wir die Person näher kennenlernen. Manche von uns akzeptieren dieses Bild nicht, was uns präsentiert wird. Wir Menschen sind komplexe Wesen, die sich in dieser noch komplexeren, verwirrenden Welt zurechtfinden wollen. Um ein bisschen Ordnung in dieses Chaos namens Leben zu bringen, machen wir uns vor, dass wir Menschen in Kategorien unterteilen können durch äußere Merkmale oder Verhaltensweisen.

Aber sind wir nicht viel mehr als der Teil, den wir der Außenwelt offenbaren? Sind nicht gerade unsere Gefühle und Gedanken das, was uns so einzigartig macht? Ist es dann nicht eine Verschwendung andere nur oberflächlich zu kennen? Einen Vorteil hat diese Herangehensweise sicherlich: Sie ist bequem und wir Menschen sind faul. Außerdem haben wir Angst etwas zu erfahren, was wir nicht verkraften könnten oder was wir in unserer Sturheit nicht wahrhaben wollen.

Vielleicht fürchten wir uns auch so sehr davor, andere Menschen in ihrer Eigenheit zu verstehen, da wir dann anfangen müssten, uns selbst zu verstehen. Und woher sollen wir wissen, wer wir sind und was uns besonders macht?

Wird es uns in Zukunft möglich sein, diese Stereotypen loszulassen und uns auf etwas Neues einzulassen?

Was meinst du?

Lass es uns in den Kommentaren wissen!

Joline Winkler, JS1

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3 Gedanken zu „Herrlich, dieses Schubladendenken (ein Kommentar)

  • 26. Oktober 2021 um 18:28
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    So ein guter Beitrag!! Ich finde, dass unser Denken die einzige Barriere unserer Freiheit und Entfaltung ist und wir unsere Kulturen Konflikte nur deswegen austragen.
    Immer wieder sehen wir, wie schön das Zusammenleben sein kann und doch ruinieren wir es durch ein altes und konservatives Denken.
    Richtig genialer erster Beitrag!!

  • 26. Oktober 2021 um 21:18
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    Woah super geschrieben!!!<3 Ich wusste ja dass du gut schreiben kannst, aber wow das ist einfach genial!
    Vorallem für dein ersten Beitrag ist es eine hervorragende Leistung 🙂

  • 24. November 2021 um 19:14
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    Verstehe.

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